Minimalistische psychophysische Interferenzen im Hip-Hop

Hip-Hop und Minimal Music berühren sich nicht zum ersten Mal. Kein Wunder, denn Hip-Hop lebt vom repititiven „Wiederverwenden“ vorhandener Beats und Klangfragmente und die einstmals postavantgardistische Minimal Music hat die Popmusik heftig befruchtet, auch jenseits von Techno.

Ganz prominentes Beispiel aus dem deutschen Sprechgesang: Mellowbags & Freundeskreis‘ »Tabula Rasa« (1998), das vollständig mit Michael Nymans »Memorial« (1989) unterlegt ist. Genau, das mit gleitenden Kamerafahrten in barock-überfülltem, dekadent-marodem Ambiente assoziierte Stück aus dem Soundtrack zum grandiosen Greenaway-Streifen »The Cook, the Thief, his Wife and her Lover«. Die Interpretation als Todesmarsch offenbart sich erst in der Schluss-Szene (Vorsicht! Nichts für schwache Nerven.) Und zwar nachdem es, analog zur permanenten Vorwegnahme des kommenden Todes im chronisch unterschätzten »Drowning by Numbers« (1988, IMDB plot keywords: Mathematics | Vagina | Disturbing – Cricket Accidents & Sheep Oberservation fehlen!), den gesamten Film über immer wieder angeklungen ist.

In »Tabula Rasa« hören wir:

What ‚dem wann‘ do for stop(pin) you
Mephisto can’t strike we down
the rebel (will) come through
what ‚dem wann‘ do for stop you
when your’re under your meditation and look through
what ‚dem wann‘ do for stop you
Mephisto can’t strike we down
the rebel come through
what ‚dem wann‘ do for stop you
you could never ever [put] out the fire we are walk(ing) through

Das passt thematisch zu »The Cook,…«. Der Ausbruch Georgina Spicas (Helen Mirren), die der (verbrecherischen) Konvention ihres tyrannischen Mannes (The Thief) entflieht, eine Liaison Dangereux mit dem Lover wagt und letztendlich Genugtuung nur durch Überwindung der (moralischen) Konvention findet, indem sie den Cook dazu bringt, ihren getöten Lover dem Mörder, dem Thief zum Fraß vorzusetzen. Mephisto. Rebel. Fire we are walking through.

Nun lässt sich einwenden: »The Cook,…« ist nicht Minimal Music, höchstens Post-Post-Minimal und Nyman nicht wirklich für Hardcore-E-Musik bekannt. Schlechter Beleg für die Eingangsthese?

Also nehmen wir lieber ein unstrittiges Beispiel. Steve Reich, 1972. »Clapping Music«. Ein geniales und genial einfaches Stück Musik, instrumental reduziert auf ein Minimum: 2 klatschende Musiker. Auch der Score reduziert auf ein Minimum: 12 Achtelschläge, davon 4 Pausen. Ein simples Rhythmuspattern also.

Ein Stück wird daraus durch schrittweises Phasing: Der erste Musikant wiederholt das Pattern genau 184 mal. Der zweite „verschiebt“ das Pattern nach je 12 Wiederholungen um einen Achtelschlag. Am Anfang und am Ende sind beide Musiker synchron. Zwischendurch ergeben sich erstaunliche Interferenzen, die Wahrnehmung springt immer und immer wieder über, findet neue Muster, aber keinen Halt und kämpft hörend immer wieder mit dem drohenden Eindruck von Chaos. Aus sehr wenig musikalischem Material und einem simplen kompositorischen Muster emergiert Überraschendes. Minimal Music in ihrer transparentesten Form.

Und wo finden wir plötzlich Clapping Music wieder? Bei Peter Fox, Seeed-Rapper, der jüngst das definitiv sensationelle Solo-Album »Stadtaffe« präsentiert hat. Hier fällt zunächst die Hip-Hip-untypische Orchestrierung vom Babelsberger Filmorchester auf, die sich irgendwo zwischen Grieg und Hans Zimmer bewegt. Aber die Mixtur brodelt! Druckvolle Beats, treibende Riffs und – angesichts des oft herbeigeredeten Todes der Musikform „Album“ besonders erfreulich – textlich geschlossen als Konzeptalbum daherkommend. Es geht um den Primaten in dir, den die Zivilisation zu zähmen versucht. Der Versuch misslingt, der Stadtaffe ist geboren. Und dann taucht die Clapping Music auf: »Das zweite Gesicht«.

Bitte nochmal vergleichen: »Clapping Music« – »Das zweite Gesicht«.

Der größte Effekt der »Clapping Music«, die Selbstinterferenz, findet bei Fox musikalisch nicht statt. Dafür übernimmt nach dem Intro der Text:

Denn es steckt mit dir unter einer Haut
und du weißt, es will raus ans Licht
die Käfigtür geht langsam auf und da zeigt es sich:
Das zweite Gesicht

Ein Biest lebt in deinem Haus
du schließt es ein, es bricht aus
das gleiche Spiel jeden Tag
vom Laufstall bis ins Grab

Ein Biest lebt in deinem Haus
du schließt es ein, es bricht aus
es kommt durch jede Tür
es wohnt bei dir und bei mir

Du willst nach vorn, die anderen wollen zurück
du hast Visionen, doch sie kommen nicht mit
jemand steht zwischen dir und deinem Glück
und es macht dich rasend, du kannst es nicht ertragen

Zwei Seelen, wohnen, ach.. Und sie stören sich, interferieren, ergeben komplizierte Muster, das Chaos ist kaum zu bewältigen. Zwei Seelen? Mephisto? Chaos? Ausbrechen? Selbstinterferenz? Psychophysik!

Ich gerate außer Phase mit mir selbst und sehe und höre staunend dem Chaos zu. Hach, ist das schön: Michael Nyman und Steve Reich, vereint durch Hip-Hop.

P.S.: Scheiße.  Gerade sehe ich: Peter Fox‘ Konzert im Rosenhof am 28.11. ist schon ausverkauft. Hat noch wer ne Karte übrig?

2 Antworten auf „Minimalistische psychophysische Interferenzen im Hip-Hop“

  1. Dem Sampler sei dank! 😉

    Ich liebe Seiten wie DIESE ( http://kevinnottingham.com/myblog/2008/05/27/
    kanye-west-original-samples-collection/ ) – falls dann doch
    Interesse daran besteht zu erfahren wo´s denn eigentlich
    herkommt – ob da jetzt minimal dabei ist, wag ich zu bezweifeln!;-)

    Und in meinem Fall: hier guck`n ( http://www.stisek.de ) und
    guten Osnabrücker Rap in Form der kostenlosen Diathese EP
    runterladen – legal natürlich! ist das,…spam? 😉

    schönen tag noch!

    gruß!

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