Preis und Wert

Wieder einmal fallen Dinge zusammen. Jens und das vereinigte Heise-Forum echauffieren sich über EAs phantasievolle Europa-Preisgestaltung für das Musikspiel »Rock Band« und der Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften lässt mir gegenüber in einem Gespräch den Satz fallen, dass ja heute jeder wisse, dass die Vorstellung vom »Homo Oeconumicus« veraltet und völlig realitätsfern sei.

Spiele und Wirtschaftswissenschaften haben viel gemein. Die Spieltheorie ist spätestens seit dem Nobelpreis an John Forbes Nash Jr., John Harsanyi und Reinhard Selten im Jahre 1994 mit höchsten Weihen versehen und spielt auch in anderen Disziplinen wie der Philosophie oder der Politikwissenschaft eine große Rolle, wenn es darum geht, menschliches Verhalten zu erklären und vorherzusagen. Die alte Vorstellung dabei ist: Rationalität. Spielsituationen als vereinfachende Modelle realer Konstellationen. Die Vereinfachung erlaubt es, mathematische Modelle von »guten« und »optimalen« Entscheidungen durchzuspielen. Erschreckenderweise liefert Google bei der Suche nach DEM klassischen spieltheoretischen Modell, dem Gefangenendilemma, als dritten Treffer immer noch einen Link auf mein uraltes Referat mit dem Titel »Spieltheorie und das Gefangenendilemma«. Ich bin da also sowas wie ein Experte und immer noch erreichen mich ständig seltsame Mails und Anrufe, die von mir spieltheoretische Weisheiten erfahren wollen. (Ein Highlight war der Anruf aus der brand eins Redaktion: »Wir haben da gerade einen redaktionsinternen Streit um das Nash-Equilibirum und Sie sind unser Telefonjoker. Also, wenn in einem N-Personen-Nullsummenspiel…«)

Inzwischen aber, wie gesagt, weiß man, dass der Mensch so nicht funktioniert. Sonst müsste es z.B. einen Zusammenhang zwischen Wert eines Dinges und seinem Preis geben. Gibt es aber nicht. Schauen wir mal (grob verallgemeindernd):

  • Eine Musik-CD kostet ca. 15€
  • Eine Film-DVD kostet ca. 20€
  • Eine HD-DVD kosts ca. 40€
  • Ein PC-Spiel kostet ca. 45€
  • Ein DS-Spiel kostet ca. 35€
  • Ein PS3-Spiel kostet ca. 60€
  • Eine SMS kostet ca. 20 ct.
  • Eine E-Mail kostet gar nichts
  • Ein mp3-Song als Download kostet ca. 1€
  • Der gleiche Song als (kürzerer) Klingelton kostet ca. 3€ (oder so, mein Handy kann sowas nicht und Fernsehwerbung hab ich nicht mehr)

Ein Bezug zur Qualität oder zum Wert eines Produktes ist da quasi systematisch auszuschließen (Seltsamerweise aber nicht das Alter. Computerspiele werden billiger, je älter sie sind, aber abhängig vom Erfolg; DVDs auch, aber eher automatisch; CDs nur kurzfristig, um dann langfristig immer teurer zu werden; alte E-Mails z.B. kann man gar nicht kaufen). Vielmehr machen die Marktgewohnheiten den Preis. Manche Märkte sind faktisch (sich selbst ein Auto aus den USA zu importieren ist etwas zu kostspielig; PS3-Spiele laufen nicht auf dem PC; DAUs wissen nicht, wie sie eigene Klingeltöne aufs Handy bringen) oder künstlich (Region-Codes) voneinander getrennt und wenn EA denkt, dass »Rock Star« in den USA eigentlich zu billig angeboten wurde, dann versuchen sie es anderswo halt teurer…

Dass der Mensch in ökonomischen Fragen eben nicht rational, sondern höchst emotional denkt und handelt, verdeutlicht ein anderer Klassiker aus der experimentellen Spieltheorie:

Ein Unbekannter (X) hält dich (A) und einen weiteren Unbekannten (B) in der Fußgängerzone an und sagt: Ich gebe A 100€. A muss B etwas davon abgeben und wenn B mit dem Betrag, den er bekommen hat, einverstanden ist, könnt ihr beide das Geld behalten. Wenn nicht, bekommt ihr beide gar nichts.

Rational betrachtet ist der Fall ganz einfach. A gibt B 0,01€ und behält 99,99€. B ist einverstanden, weil er mehr erhält, als wenn er nein sagt (0,01 > 0,00). Mit echten Menschen sieht das Ergebnis aber ganz anders aus. Sigmund/Fehr und Nowak (2002) halten dazu fest:

[…] zwei Drittel der Vorschläge [liegen] zwischen 40 und 50 Prozent […]. Nur 4 von 100 Personen bieten weniger als 20 Prozent. Ein so geringes Angebot ist riskant, weil es abgelehnt werden kann: Mehr als die Hälfte aller Versuchspersonen weisen Angebote zurück, die unter 20 Prozent liegen.

Was sagt uns das zum Thema »Rock Band«: EA verlässt den Bereich eingependelter Preise, weil sie glauben, einen besonderen Wert anbieten zu können, der die Gefühle von Verarschung und Benachteiligung bei den potenziellen Käufern aufwiegt. Falls das Experiment schiefgeht, hat EA vermutlich dennoch nicht verloren, denn durch Preissenkung kann jederzeit ein neues Angebot folgen. Falls es aber gelingt, werden andere sicher nachziehen und die Preisstandards für die jeweiligen Märkte nach oben auszudehnen versuchen.

Schließlich geht es hier um eine Besonderheit beim Handel mit Kulturgütern: Sie sind nicht so ohne weiteres vergleichbar, weil emotional viel stärker belastet. Wenn X dem A einen seltenen Sammler-100-Euro-Schein mit Tokio-Hotel-Konterfei geboten hätte, der A egal, aber B besonders wichtig gewesen wäre, sähe die Situation irgendwie anders aus.

2 Antworten auf „Preis und Wert“

  1. Und wenn EA ein Spiel mit Tokio Hotel Lied drin (Ist wirklich in Rock Band. Auf Englisch.) verkaufen will, das mir trotzdem wichtig ist, werd‘ ich wirklich emotional 😉 Der Witz an der Sache ist nämlich, dass Videospiele in Europa schon traditionell mehr kosten, als anderswo und sicherlich auch mehr als nötig wäre. Gerade deshalb kommt EAs Preispolitik so schlecht an, bei dem 100 Euro Beispiel bieten sie nicht nur weniger als 20% an, nein, sie zwingen B mit einem Messer auch noch dazu das Geld wieder zurück zu geben. Oder so ähnlich. Ich hoffe Rock Band verkauft sich furchtbar schlecht. Aber, wie der Artikel so schön deutlich macht, Menschen sind nicht rational und deshalb bin ich schon am Überlegen, wie ich mir die Instrumente günstiger zusammen suchen kann….
    Aua.

  2. Naja ich denke ein Großteil der Verbraucher schalten ihr logisches Denkvermögen beim Einkauf ab. Ich find die gute alte CD ein super Beispiel. Saturn verkauft ein Album für 16,50 Euro und schreibt dann drauf „Geiz ist Geil“ oder so. Wenn man das in richtiges Geld umrechnet sind das so ca. 33 DM für durchschnittlich 12 Songs.
    Bei Online Versendern sind die Alben dann meist pauschal mindestens 2 Euro günstiger und bisher hab ich fas jedes Album für knappe 13 Euro bekommen – meist sogar in einem Richtigen Laden.
    Irgendwie hab ich das Gefühl, das einerseits die Motivation sinkt, sich Informationen über das zu kaufende Gut zu besorgen, andererseits steigt der Druck zu konsumieren. Da die Leute den Mist trotz hohem Preis kaufen (Nachdenken scheint zu anstrengend zu sein) können die Läden auch die überhöhten Preise verlangen.
    Mein Handy kann Klingeltöne, aber ich mach mir die immer selber. Das kostet nichts

Schreibe einen Kommentar zu Jens Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.