Spiel und Zeug

Danke, danke, danke! Die lieben Kollegen haben mir zum Geburtstag ein phantastisches technisches Spielzeug geschenkt: Einen utraportablen Doppelprozessor-Tabletcomputer mit allem drum & dran: Zwei Bildschirmen, Multimediaaustattung und WLAN-Fähigkeit.

Cool, oder? Nintendo DS heißt das Ding und ich werd mich hier in meinem Blog in Zukunft ab und an über meine Abenteuer mit dem kleinen Sympathling auslassen. Erstmal bin ich aber viel zu beschäftigt damit, allerlei Fug und Unfug auszuprobieren. (Klar, Linux läuft schon!)

Gestern bin ich dann aber über eine Rezension gestolpert, die mich ein paar grundsätzliche Gedanken loszuwerden nötigt:

Electroplankton ist erstmal überhaupt kein Spiel. Es gibt kein Spielziel, es gibt keine Punkte und man kann nicht gewinnen oder verlieren. Es geht einzig und alleine darum, mit dem Programm Töne zu erzeugen.

Ja. Fein. Das ist aber mal ne komische Definition von Spiel. Klassischer ist z.B. die von Johan Huizinga:

„Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des ‚Andersseins‘ als das ‚gewöhnliche Leben‘.“

– zitiert nach Wikipedia:Spiel

Die ganze Bedeutungs-Bandbreite des Wortes Spiel deckt das auch nicht ab, schließlich gibt es Profispieler, Wendungen wie »tödliches Spiel« oder militärische Sandkastenspiele. Aber es redet nicht enghorizontig von Punkten und gewinnen oder verlieren.

Ich wage mal die These, dass die Punkte-Gewinnen-Verlieren-Definition von »echten« Computerspielen viel mit dem männlichen Blick auf das Medium zu tun hat. Was sich dann z.B. darin zeigt, dass viele Spiele-Publisher schlicht und einfach nicht kapieren, warum die Sims mit all ihren Lizenz-zum-Gelddrucken-Spinoffs so erfolgreich sind, obwohl sie gar keine richtigen Spiele sind. Wer bei Google nach »Sims „keine Missionen“« sucht, findet eine ganze Reihe von Nutzer-Berichten, die mit der Freiheit, im Spiel eigene Ziele wählen zu können, wenig anzufangen wissen.

Mir scheint da die Unterscheidung zwischen »Spiel« und »Spielzeug« ganz hilfreich. Ein Ball hat keine Punkte, keine Regeln und so weiter, aber mit ihm kann man viele verschiedene Spiele spielen. Welche mit sehr streng festgelegten Regeln und Punkten und all dem wichtigen Zeug, wie zum Beispiel Fußball. Oder ganz frei und scheinbar ziellos, wenn ich den Ball gegen eine Wand werfe oder damit irgendwie durch die Gegend tolle. Prima Sache, also, so ein Ball: Ein Spielzeug eben.

Software zum Spielen wird sehr häufig als Spiel, nicht als Spielzeug, entwickelt und rezipiert. Eine Ausnahme bilden da schon seit fast 20 Jahre die Werke der Firma maxis, deren Mastermind Will Wright dann auch konsequent immer wieder von „software toys“ statt „computer games“ spricht. 1996 hat maxis, deren Titel fast alle das Präfix Sim tragen, ein mitlerweile beinah vergessenes Werk namens SimTunes veröffentlicht. Irgendwie ist das von einem Softwaregrabbeltisch später in meinen Einkaufswagen gefallen und ich fand es extrem spannend: Ein Musikspielzeug. Visuell Pfade bauen, auf denen kleine Käferchen herumsausen, die daraus Klänge machen. Erfunden hatte das ein Japaner, Nintendo wollte es dann aber doch nicht veröffentlich und deshalb ist es bei maxis gelandet. Und um jetzt den Bogen zum Anfang zurükzufinden: Der gleiche Japaner hat ein knappes Jahrzehnt später einen vielgefeierten Titel für die Nintendo DS entwickelt: Electroplankton. Kein Spiel, wenn man so will, sondern ein Spielzeug, das einen Spieler erfordert, der sich seine Ziele selbst sucht.

2 Antworten auf „Spiel und Zeug“

  1. Erstmal herzlichen Glückwunsch nachträglich!
    Doppelt herzlichen Glückwunsch, ein DS ist wirklich toll.
    Electroplankton ist immer noch mein Lieblingsspiel(zeug) für den DS. Witzigerweise kann mich kein anderer Titel so dauerhaft und vor allem so häufig an die zwei Schirme fesseln. Toshio Iwai hat wirklich ein kleines Kunstwerk geschaffen, das nicht nur schön, sondern auch noch unheimlich unterhaltsam ist. Ich glaub‘, da schreib ich heute Abend auch drüber, ich Nachmacher ich.

    Zum Thema:
    Ich weiß nicht ob es rein „männlich“ ist, Punkte und Missionen zu erwarten. Tatsächlich gibt es sehr viele Spiele ohne Missionen bzw. in denen die Missionen in den Hintergrund treten. Du hast die Sims genannt, aber ich finde gerade die Sims setzt immer kleine, dann größere und dann ganz große Ziele. Man muss sie nicht verfolgen (nicht auf Klo gehen, nicht zur Arbeit und schließlich kein riesen Haus mit 8 Kindern besitzen), aber das Spiel bestraft einen schon sehr, wenn man es nicht tut, der Sandbox (oder halt Ball) Charakter kommt eigentlich erst so richtig mit Geldcheats raus, wenn man halt nicht mehr zur Arbeit muss, um etwas zu machen. Trotzdem hast du natürlich Recht, dass die Freiheiten sehr groß sind (wenn ich da nur an die Freiheiten in Spore denke, auweia wird das toll), man sich die Ziele zumindest aus einer Auswahl selbst wählen muss und viele Spieler damit nicht so zurecht kommen.
    Ein anderes Beispiel für ein offenes Spiel, das Missionen nur anbietet ist jeder Teil der GTA Reihe. Das ist nun aber ein Spiel, das gerade von den männlichen Standardzockern sehr angenommen wird, gerade WEIL es so offen ist. Ob das nur was mit Autos und Knarren zu tun hat, glaube ich nicht.
    Ein weiterer dieser Sandboxtitel ist skate. von EA, in dem man durch eine offene Stadt halt…skatet. Auch dieser Titel wurde wegen zu kurzem Karrieremodus und fehlender Missionen von einigen Redakteuren abgestraft.
    Ich verstehe solche Kritik immer nicht. Persönlich habe ich Spaß am Prozess des Spielens, an dem was ich mache, nicht an dem Endorphinkick, wenn ich Punkte bekomme oder einen Erfolg freischalte. Ich fürchte fast, ein Teil der Gamergeneration ist schon so konditioniert, dass ein Spiel ohne diesen Kick halt nicht mehr richtig kickt.

    Noch ein Tip, wenn dir Electroplankton und SimTunes gefallen haben, gibt es von Ubisoft ein Spiel namens Jam Session, eine richtige Gitarrensimulation ( http://www.n-games.de/ds/spiel-home.php?spnr=825 ) und von Korg gibt es den DS-10, einen echten Synthesizer für den DS ( zu begucken bei Engadget: http://www.engadget.com/2008/03/12/korg-ds-10-synth-turns-nintendo-ds-into-instrument-of-awesomenes/ )

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